Montag, 19. Oktober 2009

Genius loci

Am Freitag also die Lesung auf dem mitost-Festival in Danzig. Zwölf Seiten Stadterzählung und eine Stille im Raum, dass ich die Leute in der ersten Reihe atmen hören konnte. Nach der eigentlichen Lesung dann eine Diskussion, die länger als der erste Teil dauerte: Jeder hatte eine Frage loszuwerden, generell zur Literatur oder zu Danzig, aber auch ganz speziell zum Schreiben, meiner Aufgabe in Danzig, Pflichten und Freiheiten, dem Stipendium.
Selten habe ich bei fremden, aber auch bei eigenen Lesungen eine so offene und heitere Atmosphäre erlebt. Es war großartig, danke!

Die Lesung wie das Festival fanden in den Räumen des Kino Neptun in der Langgasse statt, allein schon der Ort hat viel versprochen: die ausladende Eingangshalle, der Aufgang, und schließlich die kleineren, mit Einzelsesseln ausgestatteten Kinosäle. Und draußen, vor den Fenstern: Die berühmten Giebel der ulica Dluga...
Ein, zwei Mal ist meine Aufmerksamkeit während des Lesens nach draußen gerutscht, auf das kalt-nasse Pflaster der Langgasse, bis vor das Rathaus und den Neptun geschlittert (das Wetter hatte sich am Freitag wieder beruhigt - dennoch hatten die Gäste, die von Deutschland aus mit einer Fähre nach Danzig übersetzen wollten, nach Helsinki ausweichen müssen!) und erst dann wieder zurückgekehrt.
Genius loci!

Agnieszka saß ganz tapfer zwischen den Zuhörern, in der hintersten Reihe, so dass wir am Ende zusammen auf ein Bier gehen konnten.
Vorbei am Hohen Tor, der Peinkammer und dem Gefängnisturm (es nieselte, und überall spiegelte sich das orangene Licht der Straßenlaternen), in Richtung des Altstädtischen Rathauses, in dessen Kellergewölbe sich ein Irish Pub befindet. Beim Bier daran denken, dass oberhalb, vor über 300 Jahren, Johannes Hevelius nicht als Bierbrauer, sondern als Ratsherr saß...
Das Rathaus ist das einzige Gebäude, das in jenem Bereich Danzigs nicht zerstört wurde. Die Kontinuität dieses Gebäudes hat denn auch etwas wundersames! Nur an das Guinness muss man sich gewöhnen.

Kommentare:

  1. Schade, die Lesung hätte ich gerne miterlebt. Ihre Berichte hier machen mich neugierig, neugierig auf Ihre Erzählung und auf Danzig selbst, das Sie so konkret und doch als einen geheimnisvollen, weil Geheimnisse bergenden Ort schildern. Sie machen bewusst, dass Peinkammer und Gefängnisturm mehr sind als touristische Highlights, weil es an einem Ort, dessen frühere Bevölkerung heute größtenteils ganz woanders ist, vor allem die Gebäude sind, die die Erinnerungen tragen.

    An das Bier, das Hevelius damals gebraut hat, müsste man sich allerdings wahrscheinlich heute genauso gewöhnen wie Sie an Ihr Guinness. ;)

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  2. Liebe Sabrina, Deine Lesung war einfach beeinrcukend und passend fuer einen gemuetlichen herbstlichen Abend in Gdansk!... Selten kann ich als Auslaenderin hoeren, wie die deutschen Woerter so schoen ineiander fliessen! Vielen Dank fuer viel Inspiration!
    Liebe Gruesse und hoffentlich bis bald, Ivanka

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